Erdhäuser – Ein Leben als Hobbit?

Wer träumt nicht von einem idyllischen Leben im Einklang mit der Natur, umgeben von einem Selbstversorgergarten mit fruchtbarer Erde? Ein Erd- oder Hobbithaus ist die perfekte Verkörperung dieses Traums.

Was bis vor wenigen Jahren als Domäne von Träumern und Spinnern galt, beschäftigt mittlerweile breite Bevölkerungsschichten und ernstzunehmende Berufsgruppen, wie Architekten, Baumeister und Hotelbetreiber. Hollywood hat sie mit den Hobbits aus dem Auenland („Herr der Ringe“) erst richtig bekannt gemacht: Die Rede ist von Erdhäusern, welche für eine einzigartige Neudefinition von Nachhaltigkeit und Ökologie des Bauens und Wohnens stehen, was angesichts der aktuellen Rückbesinnung auf traditionelle Baustoffe (Lehmputz, Dämmung aus Wolle/Stroh,…) wenig überrascht. So neu ist der Trend allerdings gar nicht: Bereits die Wikinger in Island haben sich mit Erdhäusern vor dem rauhen Klima der Insel geschützt und auch einige Indianer Nordamerikas haben ihre Hütten einen Halbstock tief in die Erde gebaut. Derlei Beispiele gebt es weltweit.

Lange Tradition

Als Vater der modernen Erdhausarchitektur gilt der US-Amerikaner MALCOLM WELLS (*1926-2009), der bereits in den 1950er Jahren publiziert und erste Projekte umgesetzt hat. Im deutschsprachigen Raum beschäftigt sich der Schweizer Architekt PETER VETSCH seit den 1970er Jahren mit diesem Thema und hat als Pionier für Erdhäuser bis dato schon 90 Projekte realisiert. In jüngerer Zeit ist der Brite SIMON DALE bekannt geworden, der sich mit einem Kostenaufwand von nur € 4.000,- und ein paar Monaten Handarbeit ein echtes Recycling-Hobbithaus in Wales erbaut hat. Unter österreichischen Rahmenbedingungen wird dessen Nachahmung allerdings nicht empfohlen.

Geborgenheit

Erdhäuser befriedigen das archaische Schutzbedürfnis des Menschen in ihrer ursprünglichsten Form. Leider und zu Unrecht sind mit ihrer Bauweise auch viele Vorurteile verbunden, wie beispielsweise eine mangelnde Belichtung und ein schlechtes Raumklima. Tatsächlich weisen Erdhäuser aufgrund der hohen Speichermasse ein besonders ausgeglichenes und angenehmes Raumklima auf: Die Häuser sind kühl im Sommer und warm im Winter, wobei sich die Bepflanzung am Dach naturgemäß besonders ausgleichend auswirkt.

Soferne man nicht auf die Vorteile moderner Isolierungs- und Dämmtechniken verzichten will, profitiert man daher doppelt.

Nicht zu vernachlässigen ist allerdings die Balance der Luft- bzw. Raumfeuchtigkeit. Einerseits gibt es die Möglichkeit, diese im traditionellen Sinn mit der Verarbeitung von Lehmputz auf den Innenwänden auf natürliche Weise zu regulieren, wobei der Lehm im übertragenen Sinn „atmet“: Er nimmt überschüssige Luftfeuchtigkeit zunächst auf und gibt sie später wieder ab. Oder man verzichtet im Sinne moderner Passivhausstandards auch bei einem Erdhaus nicht auf die Vorteile einer kontrollierten Wohnraumlüftung, wobei Wärmerückgewinnung und Luftaustausch ein perfektes Raumklima garantieren.

Aus der Bauweise ergibt sich eine Belichtungssituation, welche einerseits durch die Montage von Oberlichtkuppeln aufgewertet werden kann und andererseits in Kombination mit geschickt platzierten Decken- und Wandstrahlern ein einzigartiges Licht- und Schattenspiel ermöglicht, welches bei herkömmlichen, geradlinigen Räumen nicht zu erzielen ist.

Philosopie

Wieviel Ökologie und Natur stecken wirklich in einem modernen Erdhaus? Die vielen technischen Maßnahmen, die nötig sind, eine urtümliche Höhlenbehausung in eine moderne Unterkunft zu verwandeln, werden wahre Naturliebhaber zunächst skeptisch machen. Erdhäuser stehen aber wie kaum andere Bauwerke für eine „Naturverbundenheit“ im eigentlichen Wortsinn: Sie verdienen bei modernster Bauweise mit hohen Komfortansprüchen (Isolierung, Dämmung, Technik,…) vielleicht nicht das Prädikat  „100% Öko“, ihre Verbundenheit zur Natur kann Ihnen aber wohl niemand absprechen.

Fazit

In erster Linie dient ein Haus dazu, seinen Bewohnern ein behagliches Zuhause und einen Zufluchtsort zu bieten und nicht nur dazu, auf dem Papier irgendwelchen verordneten Passivhausstandards zu entsprechen. Genau hier hat sich das Erdhaus – ebenso wie in der Kategorie „Individualität“ – ganz sicher 100 Punkte verdient!