Wer sich für natürliche Baustoffe und nachhaltiges Bauen interessiert, kommt am Thema „Lehm- und Strohbauweise“ nicht vorbei
Als der älteste Werkstoff im Bauwesen wurde Lehm bereits vor über 9 000 Jahren verwendet. Schon sehr früh hat der Mensch die Möglichkeiten und Vorzüge dieses einzigartigen Baustoffes entdeckt. Große Teile der chinesischen Mauer wurden vor Tausenden von Jahren als Stampflehm mit eingelegten Strohschichten als Bewehrung errichtet, woraus sich einer der frühesten Verbundwerkstoffe ergab, der die Zeitalter bis heute überdauert hat. Bemerkenswert sind auch die knapp 500 Jahre alten, bis zu 25 Meter hohen Hochhäuser in Lehmziegelbauweise im Südjemen mit bis zu 9 Stockwerken oder ähnlich beeindruckende, jahrhundertealte Architektur im Iran, in Mali oder in Marokko, die man heute noch bewundern kann.
Dabei gestaltet sich das Bauen mit Lehm als vergleichsweise unkompliziert, sodass nicht verwunderlich ist, dass etwa ein Drittel der Erdbevölkerung noch heute in Lehmhäusern wohnt.
Seit Anfang der 1980er Jahre wird Lehm auch in unseren Breiten als umweltfreundlicher und gesunder Baustoff im Innenbereich wiederentdeckt, so beispielsweise als Lehmputz oder auch Lehmfarbe. Viele Bauträger haben Lehmputz als wichtiges Element des ökologischen Bauens entdeckt, sodass mittlerweile sogar von einer Renaissance des Lehmbaus gesprochen werden kann: „Der Lehm wird hoffähig, er hat sein Stigma als Baustoff der Armen verloren“, sagt Lehmpapst Gernot Minke vom Kasseler Forschungslabor für Experimentelles Bauen (FEB) in einem Interview mit der NZZ. Sein Labor betreibt seit über 25 Jahren systematische Lehmbauforschung und hat Forschungsprojekte rund um den Globus.
„Lehmputz atmet“ sagt man. Aber was steckt hinter dieser Aussage?
Tatsächlich steht Lehm (als Wand oder nur Putz) mit der Umgebung in einer Art permanenter Wechselwirkung. Er ist offenporig und atmungsaktiv und gestattet das Diffundieren von Feuchte und Luft. Diese Lebendigkeit ist ein Grund für das spürbar angenehme Raumklima in Lehmhäusern. Lehm ist in der Lage, Luftfeuchtigkeit und Temperatur zu „puffern“, indem es sie aufnimmt, speichert und wieder abgibt. In richtig konstruierten Lehmbauten herrscht eine für die menschliche Gesundheit optimale relative Raumfeuchte von 45 bis 55 Prozent.
Aber Lehm leistet noch mehr: Er absorbiert Gerüche, filtert Schadstoffe und konserviert Holz. Lehm kann zu vielen verschiedenen Baustoffen verarbeitet werden, zu Mörtel und Putz, Füllmasse, luftgetrockneten oder gebrannten Steinen, Wänden und Öfen.
Die Bauweisen
Lehmgebäude können auf Grundgerüsten aus Holz gebaut werden, allerdings bevorzugt man heute aufgrund der höheren Belastbarkeit die Ziegelbauweise. Luftgetrocknete Lehmziegel und Lehmmörtel bilden die Grundlage vieler moderner Lehmhäuser und das gleiche Material kann anschließend auch zum Verputzen genutzt werden. Die Bauweise mit Stampflehm („Pisé“-Bauweise) erfordert einen hölzernen Rahmen ähnlich einer Schalung und durch diese Konstruktion können auch Laien effektiv am Bau ihres Eigenheims mitwirken. Die Ausfachungen von Fachwerkhäusern werden einfach mit klebefeuchten Mischungen aus Lehm und Stroh verfüllt. Holzbalken dienen bei der Lehmbauweise mit Ziegeln als Befestigungsmöglichkeit für Türen und Fenster und auch die Hängeschränke in der Küche können einfach montiert werden, wenn in der Wand Holz verbaut wurde. Da der Lehm das Holz in seinem Inneren konserviert, haben Schädlinge keine Chance und die Konstruktion kann problemlos mehrere Generationen überstehen. Für tragende und nichttragende Wände können einfach unterschiedliche Mischungen verwendet werden. So wird die Stabilität größerer Gebäude erhalten und auch im Trockenbau findet Lehm in Form von Platten oder Steinen Verwendung.
- Ökologischer Baustoff
- Preiswert
- Sorgt für ausgeglichenes und wohltuendes Raumklima (reguliert die Luftfeuchtigkeit)
- Wiederverwendbar – alter Lehm kann neu aufbereitet und direkt wiederverwertet werden
- Absorbiert Gerüche und bindet Schadstoffe
- Lehm speichert Wärme
- Anwenderfreundlich
- Sehr Allergikerfreundlich
- Konservierende Eigenschaften
- Schallhemmend
Lehmbau Nachteile:
- Lehm muss vor Feuchtigkeit geschützt werden (Untergrund und Dach sind daher sehr wichtig)
- Mögliche Verwitterungserscheinungen
- Hohe Trockenzeit beim Bau (zumindest zwei Wochen ohne Niederschlag sind notwendig, damit Lehm völlig ausgehärtet ist)
- Lehmbau nur von April bis September (bei hohen Minusgraden kann es zudem zu Frostsprengungen kommen)
- Lehm ist kein genormter Baustoff, je nach Region weist Lehm unterschiedliche Eigenschaften auf
- Lehm schwindet beim Austrocknen, da das Anmachwasser verdunstet
Da der Baustoff nicht chemisch verändert wird, ist Lehm weder ätzend, wie Kalk zum Beispiel, noch in anderer Weise gesundheitlich bedenklich oder gar gefährlich. “ Ein Lehmhaus braucht immer einen guten Hut und einen guten Stiefel“, besagt eine alte Weisheit. Stiefel meint hier die Trennung des Lehmbaus vom Gelände oder Fundament. In alten Häusern sieht man diesen Stiefel in Form von Felssteinsockeln und solchen aus Ziegelsteinen über dem Boden. Der Hut ist das Dach, Überstände sind hier unerlässlich. Regenfeste Putze, Anstriche oder Verkleidungen sind für die Wetterseite mindestens empfehlenswert.
Individualität ist gefragt
Lehm fordert anders als herkömmliche Baustoffe individuelle Lösungen. „Möchte jemand mit Lehm bauen“, sagt Dirk Homann, „müssen wir erst einmal die Gegebenheiten vor Ort prüfen und die Wünsche der Bauherren klären. Oft ist es ein Kompromiss zwischen so viel Lehm wie möglich und so wenig Kosten, das heißt Aufwand, wie nötig.“
Mit Zusatzstoffen wie Stroh, Textilfasern, Tierhaaren und mineralischen Partikeln, wie Bims, Lava, Blähglas und Blähton versuchen Lehmverarbeiter seit Jahrtausenden seine Qualität zu verbessern.
Dämmmaterial Stroh
Gerade in unseren Breiten ist die Dämmfähigkeit essentiell für die Akzeptanz dieser sehr alten Bauweise. Nicht überraschend also, dass intensiv versucht wird, die sehr alte Lehmbauweise mit der ebenso traditionellen Strohbauweise zu kombinieren. Strohballen haben einen äußerst niedrigen k-Wert: Berechnungen von Sven Eweleit nach DIN 4108 ergeben für 50 cm breite Strohballen mit 3 cm Putz außen und 6 cm Lehmputz innen einen U-Wert von 0,055 bis 0,11 W/m²K, was dem Passivhausstandard entspricht (typisch 0,13 W/m²K). Zur Veranschaulichung: Eine 50 cm dicke Strohwand dämmt so gut wie eine 3 m dicke Mauer aus Hochlochziegeln.
- Wärme- und Schalldämmend
- Nachwachsend und nachhaltig
- Regional verfügbar
- Vollständig biologisch abbaubar
- Feuchtigkeitsausgleichend
- Energieeffizient/CO2-neutral (minimaler Energieaufwand in der Herstellung)
- Unschlagbare Dämmwerte: Im Vergleich zu herkömmlichen Dämmstoffen ergibt sich aufgrund der relativ hohen Dichte und der Elastizität der Strohballen ein äußerst guter Wärme- und Schallschutz und eine exzellente Wärmespeicherung
- Ausgezeichnete Brandschutzwerte im Gegensatz zu losem Stroh, da die Ballen so dicht verpresst sind, dass sehr wenig Luft gespeichert wird
- Große Wandelbarkeit: Das Design eines Strohballenhauses reicht von modern über puristisch bis hin zu klassisch
- Lasttragende Bauweise möglich, was bedeutet, dass die Bauwerke ohne zusätzliche Tragwerke auskommen
- Geeignet für Niedrig- und Passivhaustechnologie
- Trägt in Kombination mit Lehm zu einem sehr guten Raumklima bei
200 Strohhäuser in Österreich
Aufgrund der sehr strengen Bauvorschriften in Österreich kommt im Bereich der Strohbauweise trotz der konstruktiven Tragfähigkeit von Strohballen eigentlich nur die Ausführung in Form eines Fachwerkhauses zur Ausführung: Ein Ständerwerk aus Holz übernimmt die tragende Funktion und wird anschließend mit Strohballen ausgefacht und mit Lehm verputzt. Das Stroh dient dem Wärme- und Schallschutz und wird durch die Gebäudelasten nicht beansprucht.
Aufgrund der Möglichkeiten der Vorfertigung werden auch große Chancen im Fertigteilhaussektor gesehen und es ist wohl nur mehr eine Frage der Zeit, bis erste Anbieter ein Lehm-/Strohhaus als ein ultimatives ökologisches Fertigteilhaus anbieten. Durch eine Vorfertigung von Wandsystemen in witterungsunabhängigen Fertigungshallen könnten potentielle Problembereiche wie die Gefahr der Durchfeuchtung bereits im Vorfeld ausgeschlossen werden.
Nach Untersuchung der qualitätsbeeinflussenden Faktoren und Erfahrungen aus den USA und Europa ist die Qualität des Ballens (Dichte, Maßgenauigkeit) wesentlich wichtiger als die Eigenschaften des verarbeiteten Strohs an sich (Sorte, Qualität). International besteht weitgehend Übereinstimmung darin, dass die Kontrolle der Feuchtigkeit die größte Herausforderung beim Bauen mit Strohballen ist. Demgegenüber spielen Feuergefahr und Schädlinge eine untergeordnete Rolle.
Die Kombination von Stroh mit Holz und Lehm würde aus bauphysikalischer und ökologischer Sichtweise ganz neue Perspektiven eröffnen und funktionale Vorteile traditioneller Bauweisen erweitern – allein es fehlt (noch) der Mut bei den Bauherren.
In Österreich gibt es allerdings bereits einen Lehrgang für „Strohballenbau“, der modular mit insgesamt 400 Stunden in alle erwähnten Aspekte der Bauweise einführt (www.baubiologie.at). Anfänger sind willkommen, es sind auch einzelne Module buchbar.
- www.atelierwernerschmidt.ch
- www.lehmtonerde.at
- www.stroh2gether.at
- www.strohnatur.at
- www.baubiologie.at/strohballenbau
Bücher zum Thema:
- „Lehm im Innenraum“ – Eigenschaften, Systeme, Gestaltung; Achim Pilz, Fraunhofer IRG Verlag
- „Nachhaltige Wohnkonzepte“ – Entwurfsmethoden und Prozesse; Hans Drexler, Sebastian El Khouli, Edition Detail 2012
- „Lehmbau Regeln“ – Dachverband für Lehmbau, 3. Auflage




